typereader
Die schwarze Spinne - Jeremias Gotthelf Die schwarze Spinne Jeremias Gotthelf · 1842
4 h 10Länge4KapitelC1Niveau
Hörbuch · Deutsch

Die schwarze Spinne als Hörbuch - kostenlos hören

4 h 10Länge4KapitelC1Niveau
Wortsynchrones Audio Kostenlos

Hören Sie Die schwarze Spinne von Jeremias Gotthelf von einer echten Stimme gelesen, der Text läuft Wort für Wort hervorgehoben mit. Tippen Sie ein Wort für die Übersetzung - das Hörbuch wird zur Deutsch-Lektion.

Sprecher: Hans Hafen, LibriVox

Vorschau · Kapitel I
0:00-
Synchroner Auszug
Über die Berge hob sich die Sonne, leuchtete in klarer Majestät in ein freundliches aber enges Thal und weckte zu fröhlichem Leben die Geschöpfe, die geschaffen sind an der Sonne ihres Lebens sich zu freuen. Aus vergoldetem Waldessaume schmetterte die Amsel ihr Morgenlied, zwischen funkelnden Blumen in perlendem Grase erscholl der sehnsüchtigen Wachtel eintönend Minneruf, über dunkle Tannen tanzten brünstige Krähen ihren Hochzeitreigen oder krächzten zärtliche Wiegenlieder über die dornichten Bettchen ihrer ungefiederten Jungen. In der Mitte der sonnenreichen Halde hatte die Natur einen fruchtbaren, beschirmten Boden eingegraben; mitten drinn stand stattlich und blank ein schönes Haus, eingefaßt von einem prächtigen Baumgarten, in welchem noch einige Hochäpfelbäume prangten in ihrem späten Blumenkleide; halb stund das vom Hausbrunnen bewässerte üppige Gras noch, halb war es bereits dem Futtergange zugewandert. Um das Haus lag ein sonntäglicher Glanz, den man mit einigen Besenstrichen, angebracht Samstag Abends zwischen Tag und Nacht, nicht zu erzeugen vermag, der ein Zeugniß ist des köstlichen Erbgutes angestammter Reinlichkeit, die alle Tage gepflegt werden muß, der Familienehre gleich, welcher eine einzige unbewachte Stunde Flecken bringen kann, die Blutflecken gleich, unauslöschlich bleiben von Geschlecht zu Geschlecht, jeder Tünche spottend. Nicht umsonst glänzte die durch Gottes Hand erbaute Erde und das von Menschen Händen erbaute Haus im reinsten Schmucke; über beide glänzte heute ein Stern am blauen Himmel, ein hoher Feiertag. Es war der Tag, an welchem der Sohn wieder zum Vater gegangen, zum Zeugniß, daß die Leiter noch am Himmel stehe, auf welcher Engel auf- und niedersteigen und die Seelen der Menschen, wenn sie dem Leibe sich entwinden und ihr Heil und Augenmerk beim Vater droben war und nicht hier auf Erden; es war der Tag, an welchem die ganze Pflanzenwelt dem Himmel entgegenwächst und blüht in voller Ueppigkeit, dem Menschen ein alle Jahre neu werdendes Sinnbild seiner eigenen Bestimmung. Wunderbar erklang es über die Hügel, man wußte nicht woher das Klingen kam, es tönte wie von allen Seiten; es kam von den Kirchen her draußen in den weiten Thälern; von dort her kündeten die Glocken, daß die Tempel Gottes sich öffnen Allen, deren Herzen offen seien der Stimme ihres Gottes. Ein reges Leben bewegte sich um das schöne Haus. In des Brunnens Nähe wurden mit besonderer Sorgfalt Pferde gestriegelt, stattliche Mütter umgaukelt von lustigen Füllen; im breiten Brunnentroge stillten behaglich blickende Kühe ihren Durst und zweimal mußte der Bube Besen und Schaufel nehmen, weil er die Spuren ihrer Behaglichkeit nicht sauber genug weggeräumt. Herzhaft wuschen am Brunnen mit einem handlichen Zwilchfetzen stämmige Mägde ihre rothbrächten Gesichter, die Haare in zwei Knäuel über den Ohren zusammengedreht, trugen mit eilfertiger Emsigkeit Wasser durch die geöffnete Thüre und in mächtigen Stößen hob sich gerade und hoch in die blaue Luft empor aus kurzem Schornsteine die dunkle Rauchsäule. Langsam und gebeugt ging an einem Hakenstock der Großvater um das Haus, sah schweigend dem Treiben der Knechte und Mägde zu, streichelte hier ein Pferd, wehrte dort einer Kuh ihren schwerfälligen Muthwillen, zeigte mit dem Stecken dem unachtsamen Buben noch hier und dort vergessene Strohhalme und nahm dazu fleißig aus der langen Weste tiefer Tasche das Feuerzeug, um seine Pfeife, an der er des Morgens trotz ihres schweren Athems so wohl lebte, wieder anzuzünden. Auf rein gefegter Bank vor dem Hause neben der Thüre saß die Großmutter, schönes Brod schneidend in eine mächtige Kachel, dünn und in eben rechter Größe jeden Bissen, nicht so unachtsam wie Köchinnen oder Stubenmägde, die manchmal Stücke machen an denen ein Wallfisch ersticken müßte. Wohlgenährte stolze Hühner und schöne Tauben stritten sich um die Brosamen zu ihren Füßen, und wenn ein schüchternes Täubchen zu kurz kam, so warf ihm die Großmutter ein Stücklein eigends zu, es tröstend mit freundlichen Worten über den Unverstand und den Ungestüm der andern. Drinnen in der weiten reinen Küche knisterte ein mächtiges Feuer von Tannenholz, in weiter Pfanne knallten Kaffeebohnen, die eine stattliche Frau mit hölzerner Kelle durcheinander rührte, nebenbei knarrte die Kaffeemühle zwischen den Knieen einer frischgewaschenen Magd, unter der offenen Stubenthüre aber stund, den offenen Kaffeesack noch in der Hand, eine schöne etwas blasse Frau und sagte: „Du, Hebamme, röste mir den Kaffee heute nicht so schwarz, sie könnten sonst meinen, ich hätte das Pulver sparen mögen. Des Göttis (Pathen) Frau ist gar grausam mißtreu und legt einem alles zu Ungunsten aus. Es kömmt heute auf ein halb Pfund mehr oder weniger nicht an. Vergiß auch ja nicht das Weinwarm zu rechter Zeit bereit zu halten. Der Großvater würde meinen, es wäre nicht Kindstaufe, wenn man den Gevatterleuten nicht ein Weinwarm aufstellen würde, ehe sie zur Kirche gehen. Spare nichts daran, hörst du. Dort in der Schüssel auf der Kachelbank ist Safran und Zimmet, der Zucker ist hier auf dem Tische, und nimm Wein, daß es dich dünkt, es sei wenigstens halb zu viel; an einer Kindstaufe braucht man nie Kummer zu haben, daß sich die Sache nicht brauche.“ Man hört, es soll heute die Kindtaufe gehalten werden im Hause, und die Hebamme versieht das Amt der Köchin ebenso geschickt, als früher das Amt der Wehmutter; aber sputen muß sie sich, wenn sie zu rechter Zeit fertig werden und am einfachen Herde Alles kochen soll, was die Sitte fordert. Aus dem Keller kam mit einem mächtigen Stück Käse in der Hand ein stämmiger Mann, nahm vom blanken Kachelbank den ersten besten Teller, legte den Käse darauf und wollte ihn in die Stube auf den Tisch tragen von braunem Nußbaumholz. „Aber Benz, aber Benz, rief die schöne blasse Frau, wie würden sie lachen, wenn wir keinen bessern Teller hätten an der Kindstaufe.“ Und zum glänzenden Schrank aus Kirschbaumholz, Buffert genannt, ging sie, wo hinter Glasfenstern des Hauses Zierden prangten. Dort nahm sie einen schönen Teller, blau gerändert, in der Mitte einen großen Blumenstrauß, der umgeben war von sinnigen Sprüchen, z. B.: O Mensch faß in Gedanken, Drei Batzen gilt z’Pfund Anken. Gott gibt dem Menschen Gnad, Ich aber wohn’ im Maad. In der Hölle, da ist es heiß, Und der Hafner schafft mit Fleiß. Die Kuh, die frißt das Gras, Der Mensch, der muß ins Grab. Neben den Käse stellte sie die mächtige Züpfe, das eigenthümliche Berner Backwerk, geflochten wie die Zöpfe der Weiber, schön braun und gelb aus dem feinsten Mehl, Eiern und Butter gebacken, groß wie ein jähriges Kind und fast ebenso schwer; und oben und unten pflanzte sie noch zwei Teller. Hochaufgethürmt lagen auf denselben die appetitlichen Küchlein, Habküchlein auf dem einen, Eierküchlein auf dem andern. Heiße dicke Nidel stund in schön geblümtem Hafen zugedeckt auf dem Ofen und in der dreibeinigen glänzenden Kanne mit gelbem Deckel kochte der Kaffee. So harrte auf die erwarteten Gevatterleute ein Frühstück, wie es Fürsten selten haben und keine Bauern auf der Welt als die Berner. Tausende von Engländern rennen durch die Schweiz, aber weder einem der abgejagten Lords noch einer der steifbeinichten Ladies ist je ein solches Frühstück geworden. „Wenn sie nur bald kämen, es wäre alles bereit, seufzte die Hebamme. Es geht jedenfalls eine gute Zeit, bis alles fertig ist, und ein jedes seine Sache gehabt hat, und der Pfarrer ist grausam pünktlich und gibt scharfe Verweise, wenn man nicht da ist zu rechter Zeit.“ „Der Großvater erlaubt auch nie das Wägeli zu nehmen, sagte die junge Frau. Er hat den Glauben, daß ein Kind, welches man nicht zur Taufe trage, sondern führe, träge werde und sein Lebtag seine Beine nie recht brauchen lerne. Wenn nur die Gotte (Pathin) da wäre, die versäumt am längsten, die Göttene machen es kürzer und könnten immerhin nachlaufen.“ Die Angst nach den Gevatterleuten verbreitete sich durchs ganze Haus. „Kommen sie noch nicht?“ hörte man allenthalten; in allen Ecken des Hauses schauten Gesichter nach ihnen aus, und der Türk bellte aus Leibeskräften, als ob er sie herbeirufen wollte. Die Großmutter aber sagte: „Ehemals ist das doch nicht so gewesen, da wußte man, daß man an solchen Tagen zu rechter Zeit aufzustehen habe und der Herr Niemanden warte.“ Endlich stürzte der Bub in die Küche mit der Nachricht: die Gotte komme. Sie kam, schweißbedeckt und beladen wie das Neujahrkindlein. In der einen Hand hatte sie die schwarzen Schnüre eines großen blumenreichen Wartsäckleins, in welchem, in ein fein weißes Handtuch gewickelt, eine große Züpfe stach, ein Geschenk für die Kindbetterin. In der andern Hand trug sie ein zweites Säcklein und in demselben war eine Kleidung für das Kind, nebst etwelchen Stücken zu eigenem Gebrauch, namentlich schöne weiße Strümpfe, und unter dem einen Arme hatte sie noch eine Drucke mit dem Kränzchen und der Spitzenkappe mit den prächtigen schwarzseidenen Haarschnüren. Freudig tönten ihr die Gottwilchen (in Gott willkommen) entgegen von allen Seiten und kaum hatte sie Zeit von ihrer Bürde eine abzustellen, um den entgegengestreckten Händen freundlich zu begegnen. Von allen Seiten langten dienstbare Hände nach ihren Lasten und unter der Thüre stand die junge Frau und da ging ein neues Grüßen an, bis die Hebamme in die Stube mahnte: sie könnten ja drinnen einander sagen, was der Brauch sei. Und mit handlichen Manieren setzte die Hebamme die Gotte hinter den Tisch, und die junge Frau kam mit dem Kaffee, wie sehr

typereader - lerne Deutsch, indem du echte Bücher hörst: wortsynchrones Audio, Tippen zum Übersetzen, Wörterbuch und Training. Alle Hörbücher · App öffnen →