Extrait
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Wer das Riesengemälde einer Weltstadt, wie Berlin nicht an der Oberfläche haftend, sondern in die Tiefe dringend erfassen will, darf nicht den homosexuellen Einschlag übersehen, welcher die Färbung des Bildes im einzelnen und den Charakter des Ganzen wesentlich beeinflußt.
Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, daß in Berlin mehr Homosexuelle geboren werden, wie in der Kleinstadt oder auf dem Lande, doch liegt die Vermutung nahe, daß bewußt ober unbewußt diejenigen, welche von der Mehrzahl in nicht erwünschter Form abweichen, dorthin streben, wo sie in der Fülle und dem Wechsel der Gestalten unauffälliger und daher unbehelligter leben können. Das ist ja gerade das Anziehende und Merkwürdige einer Millionenstadt, daß das Individuum nicht der Kontrolle der Nachbarschaften unterliegt, wie in den kleinen Orten, in denen sich im engen Kreise die Sinne und der Sinn verengern. Während dort leicht verfolgt werden kann und eifrig verfolgt wird, wann, wo und mit wem der Nächste gegessen und getrunken hat, spazieren und zu Bett gegangen ist, wissen in Berlin die Leute oft im Vorderhause nicht, wer im Hinterhause wohnt, geschweige denn, was die Insassen treiben. Gibt es hier doch Häuser, die an hundert Parteien, an tausend Menschen beherbergen.
Was sich in der Großstadt dem Nichtkenner verbirgt, tritt, weil es sich ungezwungener gibt, dem Kenner um so leichter entgegen.
Wer gut unterrichtet ist, bemerkt auf den Straßen, in den Lokalen Berlins bald nicht nur Männer und Frauen im landläufigen Sinn, sondern vielfach auch Personen, die von diesen in ihrem Benehmen, oft sogar in ihrem Äußeren verschieden sind, so daß man geradezu neben dem männlichen und weiblichen von einem dritten Geschlecht gesprochen hat.
Ich finde diesen Ausdruck, der schon im alten Rom gebräuchlich war, nicht gerade glücklich, aber immerhin besser, als das jetzt so viel angewandte Wort homosexuell (gleichgeschlechtlich), weil dieses der weit verbreiteten Anschauung Nahrung gibt, es müßten, wenn irgendwo mehrere Homosexuelle zusammen sind, sexuelle Akte vorgenommen oder doch wenigstens beabsichtigt werden, was den Tatsachen in keiner Weise entspricht.
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